Freitag, 19. Oktober 2007

Mel Schwarzen-Ehnert und die Frage „Sind wir nicht alle ein bisschen Daniel Hund aus Edinburgh?“ – Michael Ehnerts „Heldenwinter"

Im letzten Jahr haben Jörg und ich bei Michael Ehnerts „Mein Leben“ schon Tränen gelacht über das Erwachsenwerden zwischen High Noon, „Der Pate“ und schlechten Krankenhausserien. Sogar die Frage was mit Corleones Katze passiert wurde uns damals im Eifelturm-Theater beantwortet. Zweimal habe ich das Stück gesehen und wenn es noch mal auf dem Spielplan steht auch gerne noch ein paar Mal.
Unterm Strich vor allem die Erkenntnis, dass die Welt voll ist von „Spacken mit Angst“ und dass das Gegenteil von Angst nicht Mut sondern Liebe ist.
Viel gelacht und doch auch viel Nachdenkliches, eine Mischung, die sicher nicht jedermanns, aber auf alle Fälle unseres ist.

So war klar, dass wir auch das neue Programm von Michael Ehnert, „Heldenwinter“ sehen mussten. Heute nun war es soweit. Karten abgeholt und dann erst mal ein Kölsch „bei mir“. Eine Kneipe auf den ersten Blick mit zweifelhaftem Charme. Alles ein bisschen speckig, die Bedienung etwas ruppig und eben doch klasse da. Zum Kölsch einen Flammkuchen und obendrein noch Deep Purple. Fehlte eigentlich nur noch „Highway Star“...
Kaum im Theater die letzten Plätze besetzt ging es auch schon los. Von einer Art Rambo-Verschnitt begrüßt (nachdem ich vor 2 Wochen den ersten Rambo-Film meines Lebens gesehen habe weiß ich jetzt wovon ich spreche), wartete ich nur auf Sätze wie „Was ist das?“ „Blaues Licht!“ „Und was macht es? „Es leuchtet blau!“. Aber das wäre eben nur John Rambo gewesen und nicht Michael Ehnert! Protagonist ist ein Drehbuchschreiberling, der beim Verfassen eines Scripts für einen echten Action-Kracher im ICE „Heinrich Lübke“ zwischen Göttingen und Hannover von einer Menge Zweifeln überfallen wird, verschwimmen irgendwann Fiktion und Wirklichkeit und ich glaube nur Nerds wie Jörg und ich konnten wirklich folgen. Aber das ist auch ein Leichtes, wenn die Gedankengänge des Protagonisten ähnlich krude sind wie die eigenen...
Wir begegneten:
Mel Schwarzen-Ehnert, der scheinbaren Idealbesetzung eines deutschen Actionhelden.
Torsten Norbert Tengelmann, dem entamerikanisiertem Alter Ego desselben, so es denn beides überhaupt geben kann.
Francesco, einem schier überall anwesenden alten und weisen Italiener, der wenns sein muß auch mal Coach ist,
dem Paten in vielen Gestalten,
Daniel Hund aus Edinburgh und seinem herrenlosen Koffer,
Big Jim,
Rudi Carell und immer wieder
Halbschwergewichtler Norbert Grupe, dem „Prinzen von Homburg“, Boxer, Unterweltgröße und einem, der es entgegen der vorgenannten wenigstens in „Stirb langsam“ an die Seite von Bruce Willis geschafft hat.
Und den Fragen: Brauchen wir ein weiteres hoch-ambitioniertes Drehbuch für ein „brisantes“ und „bahnbrechendes“ Weltrettungs-Epos im Packeis, einen weiteren hirnlosen Actionkracher mit einer Art Öko-Bruce-Willis als Heldenfigur? Wäre es nicht viel tiefgründiger und spannender, das Thema Heldentum endlich mal aus der Sicht eines völlig überforderten Action-Darstellers zu beleuchten? Bräuchte es in Zeiten wie diesen nicht etwas weniger Smith & Wesson, dafür ein bisschen mehr Horkheimer und Adorno? Und was macht Quantenphysik mit Helden?
Alles in allem wieder mal ein toller Theaterabend, der dann im „Saudade“ in Ehrenfeld bei Rosé und Tapasteller einen gelungenen und angemessenen Abschluss fand. Auch wenn ich danach immer noch nicht wirklich verstanden habe, was es mit der Heisenbergschen Unschärferelation und dem Beamen von Tennisbällen auf sich hat - wir sind uns einig geworden, dass es weniger Zielen an sich bedarf als vielmehr einer Liste voller Wünsche, was man schon immer mal gemacht haben wollte. Und jeder braucht eine Person als schlechtes Gewissen, die einem manchmal Feuer unter dem Hintern macht.

Keine Kommentare: