Den ersten Tag habe ich verpasst. Am 4. Januar 1980 war ich nicht dabei, als meine Eltern sich in das Abenteuer Landarztpraxis stürzten. Ich wohnte noch in Roßdorf, wo ich das Schuljahr beenden sollte und bekam von dem Chaos in der ersten Zeit nichts mit. Am 30.März 2007 wollte ich mir das Ende des Abenteuers, den letzten Tag, auf keinen Fall entgehen lassen.
Mir war schon klar, dass es ein emotionales Auf und Ab werden würde, aber in meinen kühnsten Träumen hatte ich mir nicht vorstellen können, was hier los war. Es dauerte fast immer nur Minuten und Papi kam wieder mit einem Arm voll Geschenken. Pralinenschachteln, Bücher, Wein und Blumen. Immer wieder Karten und Briefe, mit denen die Leute ihrem Hausarzt für die jahrelange Betreuung dankten. Immer wieder saßen erwachsene Menschen im Sprechzimmer und weinten bittere Tränen. Patienten, die selbst nur wenig haben, kamen mit Präsentkörben, solche dankten und weinten, die meinen Vater die ein oder andere Nachtruhe gekostet haben- unter Umständen nur um freudig zu berichten, dass „es“ mit dem Gatten geklappt hatte. Der Erfolg dieses Ereignisses kam gleich mit zur Verabschiedung und ist heute bereits volljährig.
Manchen fehlten sicher ebenso wie uns die Worte und sie umarmten Papi einfach nur herzlich, wandten sich dann ebenso schnell ab wie wir immer wieder- nur damit niemand sieht, wie die ein oder andere Träne verstohlen weggewischt wurde. Wir bemühten uns um gute Miene, um ein lachendes Gesicht, schließlich bedeutete dieser Tag den langersehnten, lang verdienten Ruhestand. Allen fehlten die Worte gegen Ende der letzten gemeinsamen Sprechstunde, aber alle wussten was Papi meinte mit seinem tief empfundenen, gerührten „Danke!“ beim gemeinsamen Anstoßen. Mehr war nicht nötig.
Dank der Politik werden wir in nicht allzu ferner Zukunft im Wohlstandsstaat Deutschland auf dem Land eine massive medizinische Unterversorgung haben, Nachfolger zu finden für eine gut gehende Landarztpraxis ist bereits jetzt nahezu unmöglich. Paare ziehen heute nicht mehr an einem Strang, es setzt sich nicht der Mensch durch, der auch noch gerne den Traum Landarzt leben will, sondern u.U. die Gattin, die mit drei Kleinstkindern per Fahrrad die üppige Fußgängerzone Leers erreichen möchte - gleich ob der Partner glücklich ist oder nicht. Hinzu kommt, dass immer mehr kühle Rechner sich im Gesundheitswesen tummeln, die leider bei ihrer Arbeit und ihren hochtrabenden Plänen immer wieder das Wichtigste außer acht lassen- den Faktor „Mensch“. Aber so funktioniert die Welt eben nicht und auch das, was meine Eltern in vielen Jahren gemeinsam aufgebaut haben wird nun nach und nach im Sande verlaufen. Dennoch bin ich froh, dass sie mir vorgelebt haben, dass Träume gelebt werden wollen. Zusammen. Zu jeder Zeit. Und ich hoffe, dass sie dafür ab heute noch lange Jahre mit einem herrlichen (Un-)Ruhestand belohnt werden. Alles, alles Gute Euch beiden!
3 Kommentare:
das wünsche ich den beiden auch....ich kenne sie ja auch fast mein ganzes Leben lang und kann eigentlich glauben, dass die Zeit so schnell vergangen ist. Alles Liebe für Euch und eine schöne Zeit! Viele Grüße aus Darmstadt
Sorry, ich habe wohl ein Wort vergessen.....hoffentlich denkt ihr nicht von mir, dass ich völlig malle bin! Hier der richtige Satz:...ich kenne sie ja auch fast mein ganzes Leben lang und kann eigentlich KAUM glauben, dass die Zeit so schnell vergangen ist. Ich drücke Euch ganz fest.
Nochmal Grüße aus Darmstadt !!
Keine Sorge, Tina!!! Hab Dich schon verstanden... :-)) Hoffe, es geht Euch auch allen bestens, lieben Gruß in meine alte Heimat!
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