Gleich ob man morgens früh mit dem Auto oder dem sogenannten ÖPNV zur Arbeit fährt, hat man oft die absonderlichsten Erlebnisse. An manche erinnert man sich gerne, an andere nicht, wiederum andere lassen einen fassungslos am Steuer zurück.
Gerne erinnere ich mich an einen Morgen im letzten Winter, als ich an einer roten Ampel anhalten musste und mein Vordermann unvermittelt aus seinem Wagen stieg und auf mein Auto zukam. Ohje, hab ich einen Schreck bekommen! Was will denn der? - Ich glaube ich habe einfach zu viel ferngesehen. Da sind es doch immer die Psychopathen mit dem Messer in der Tasche, die jungen Frauen auflauern, die alleine im Auto unterwegs sind. Okay, in diesen Filmen ist es meist nachts, die Straße ist menschenleer und womöglich hat die Protagonistin noch eine Reifenpanne. Aber die Tatsache, dass ich mich zur morgendlichen Rush-Hour auf der Subbelrather Straße befand, es recht hell und ich auf der belebten Straße keineswegs alleine war, spielt in diesem Zusammenhang überhaupt keine Rolle. Ach ja, mein Auto funktionierte auch. Aber zurück zum wichtigen Teil der Geschichte: Der Herr kam also an mein Fenster und klopfte, nachdem ich mich angestrengt bemüht hatte ihn zu ignorieren. Mir blieb nichts anderes übrig als nach einem kurzen, beinahe hilfesuchenden Blick um mich herum das Fenster ein Stückchen zu öffnen. Da lächelte der ältere Herr und sagte: "Sie sind ja aus Ostfriesland!" Ja, aber so schlecht fahre ich doch gar nicht! "Da war ich vor über 30 Jahren bei der Bundeswehr. Das ist ja soooo schön da." Mir blieb vor Staunen der Mund offen stehen und ich konnte nur nicken "Ja, stimmt." "Wissen Sie, meine Frau ist ja Kölnerin und die krieg ich hier nicht für immer weg, aber wir sind oft dorthin in den Urlaub gefahren. Und als ich Ihr Leeraner Nummerschild sah, musste ich Sie einfach ansprechen!" In diesem Moment wurde die Ampel grün und er beeilte sich seinem Alter angemessen schnell in sein Auto zurück zu kommen und loszufahren. Direkt nach der Kreuzung hielt er allerdings rechts an und ich wusste nicht, ob er das gleiche auch von mir erwartete. Da ich aber leider wie so häufig schon viel zu spät dran war musste ich an ihm vorbeiziehen. Noch heute frage ich mich, ob er wohl enttäuscht war, dass ich nicht noch länger über unser beider ostfriesische Vergangenheit plaudern wollte. Ich hoffe nicht, es täte mir so leid, ist mir diese Begegnung doch sonst in so lieber Erinnerung geblieben.
Über die diversen Aufregermomente an einem Morgen auf Kölner Straßen brauche ich nicht zu schreiben, jeder kann es sich vorstellen, es ist der Super-GAU. Alle sind genervt, viele noch viel zu müde zum Autofahren und viel zu viele bekommen ihre Fahrten offensichtlich als Arbeitszeit bezahlt. Von den in der dritten Reihe parkenden und damit alles verstopfenden Kurierautos fange ich erst gar nicht an. Jeder, der mich und meine Ungeduld sowie mein sonniges Gemüt auch noch über eine Stunde nach dem Aufstehen kennt kann sich vorstellen, dass die Wörter, die mir dann so zahlreich über die Lippen sprudeln hier nicht wiedergabefähig sind. (In Comics würde man jetzt so was wie "!"§%&!" lesen...) Das sind also die morgendlichen Erfahrungen, über die ich mich hier nicht näher auslassen möchte- jeder kennt sie, jeder hasst sie.
Aber dann gibt es noch die ganz skurilen.
Heute zum Beispiel: Ich hatte die Innenstadt relativ zügig durchquert, mich kurz nach der Severinsbrücke wieder über die wilde Müllhalde neben dem Kleingartenverein geärgert und mich andererseits lächelnd an den letzten Sommer ("54, 74, 90, 2006") erinnert gefühlt als ich den noch immer den Mittelstreifen zierenden, inzwischen aber stark verwitterten Deutschlandwimpel wiederentdeckte. Sogar die sonst so lästige Abfahrt Gremberghoven war dem herrlichen Wetter angemessen leicht zu meistern und die Rotphase erwischte mich erst an der nächsten Ampel. Wie immer schaute ich in die Wagen neben mir, ergab sich doch sonst das ein oder andere Mal ein netter kurzer Flirt oder ich erwischte zumindest immer mal wieder ein aufmunterndes Lächeln, verbrüdernd fast, ganz nach dem Motto "Ja, ich weiß, ich hab auch keine Lust jetzt zur Arbeit zu fahren, wäre lieber woanders"- so oder so ähnlich. Was ich aber diesmal im Auto neben mir gesehen habe, fand ich wirklich unglaublich! Die Fahrerin zückte in aller Ruhe einen Handspiegel und eine Pinzette und zupfte sich akribisch die Augenbrauen. Geübt wirkten ihre Handgriffe, Respekt - aber wie bescheuert kann man sein so etwas morgens an der Ampel zu tun??? Hallo, gehts noch? Dazu noch als Fahrerin des Wagens. Und dann womöglich mit roten und leicht gechwollenen Augen im Büro auftauchen. Ich grinste, war aber andererseits wirklich drauf und dran ihr in meiner unnachahmlich charmanten Morgenmuffelmanier einen Vogel zu zeigen. Sie hätte sich wohl ohnehin nicht beirren lassen, da mache ich mir nichts vor. Aber es ist vermutlich so, dass man heutzutage wirklich jede freie Minute sinnvoll nutzen muss und da ist das richtige Zeitmanagement wohl einfach alles... In diesem Sinne, carpe diem!
Ich habe Angst als Leiche verwechselt zu werden.
vor 2 Jahren
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