Ja, ich kriege ihn. Jedes Jahr. Den Weihnachtsblues. Ich mag Weihnachten nicht so besonders, mich macht diese Besinnlichkeit traurig (obwohl ich die liebste Familie der Welt habe, bevor hier einer denkt ich hätte was gegen Familienfeiern, nee!)
Die letzten Weihnachtseinkäufe in diesem Jahr haben mich mal wieder erwischt. Ich will mich nicht stressen lassen und lasse mich einfach durch die unglaublichen Menschenmassen der Schildergasse und Co. treiben. Komme mir ein bisschen authistisch vor- das Leben tobt und ich komme mir in der Menschentraube einfach vor, als sei ich der einzige Mensch auf der Welt. Hm. Lachende, genervte und eine Menge gleichgültiger Gesichter treiben an mir vorbei. Oh, ich habe dieses Jahr nicht einen Glühwein getrunken (naja, den mag ich ja auch nicht wirklich, aber normalerweise...), nicht einmal gebrannte Mandeln in mich reingestopft (und die mag ich wirklich gerne!)- naja, egal. Aber komisch. Dann bin ich auf der Domplatte, immer noch ein babylonisches Sprachengewirr um mich rum (ob grade alle Holländer, Belgier und Franzosen bei uns sind? Haben die alle kein Zuhause?) und plötzlich höre ich Fanfaren. Naja, ein Bläserensemble war´s, keine Fanfaren. Aber die Akustik vor dem beeindruckenden Dom hat mich sofort gefangengenommen, als die Weihnachtslieder bei Fackellicht auf dem Dach des KölnTourismus ertönten. Ein Moment, der einem unweigerlich die Tränen in die Augen trieb. So schön war es und so gerne hätte ich diesen Moment mit jemandem geteilt. Aber naja. Der Weihnachtsblues, den ich immer wieder verdrängen möchte, hatte mich voll im Griff beim Anblick der lustigen Leute, die sich amüsierten, den Pärchen, die sich ergriffen an den Händen fassten. Und warum steh ich hier wie ich hier stehe? Häh? Was hab ich falsch gemacht? Dann erinnere ich mich an die Jahre, in denen ich nicht Single war und musste mir eingestehen- da war es auch nicht anders. Den Blues bekam ich trotzdem oder habe ihn wenn, dann nur erfolgreich verdrängt. Aber mehr gelacht hab ich da an Weihnachten auch nicht. Ist das normal? Egal. Jedenfalls dachte ich an eine Freundin, von der ich sicher war, dass sie genau verstehen würde wie ich mich just in diesem Moment fühlte und wollte sie erst anrufen, aber dann hätte ich wohl geflennt- und wie sie mir später am Telefon sagte, sie hätte gleich mitgemacht. Sie wusste ganz genau wie es mir grade angesichts dieses doch so schönen Erlebnisses ging. Solche Momente will man eben teilen.
Aber lange hielt der Blues nicht an. Kurz darauf, ich war unterwegs Richtung Breite Straße, hörte ich hinter mir eine Frau ziemlich unangenehm laut und schrill mit dem Handy am Ohr telefonieren. Sie beriet wohl grade eine Freundin, wie die mit dem unmöglichen Kerl umzugehen habe. "Ja, ist doch klar, dass der das behauptet. Der will nur noch mal..Schieß ihn ab, der taugt nix. Also als ich damals...nein, bei jedem Sex kam ich mir so blöde vor...blablabla.." Muss man sowas in der Öffentlichkeit klären? Nicht mal auf mein "geht das auch leiser?" hat die Kuh reagiert. An der nächsten Ampel überholte sie mich. Anfang 40, schätze ich, gehüllt in teure Schickimickifummel, die ihr leider auch nicht zu Ausstrahlung verhalfen. Sie hat mein missbilligendes Gesicht aber nicht gesehen, sie war zu beschäftigt mit dem Telefonieren. Und da sah ich es, da gehörte noch ein Typ dazu, gleiche Marke, mit Tüten von Daniels und Bulgari oder so unter dem Arm. Und auch das Handy am Ohr. So trabten die beiden hintereinander her. Der kleine Sohn der beiden lief mit hängendem Köpfchen neben den beiden her. Völlig resigniert und so ganz ohne weihnachtliche Vorfreude. Ich war ehrlich geschockt. Die beiden Eltern nur mit sich und dem Mobilfunk beschäftigt, das Kind hätte bei Rot über die Ampel laufen können- sie hätten es nicht gemerkt. Nein, so eine Beziehung will ich auch nicht. Nichts-Sagen kann ich auch gut allein und ich hör mir wenigstens zu wenn ich denn doch was sage. ;-) Am liebsten hätte ich jedenfalls den kleinen Jungen geschnappt und ihm beim Schickimicki-Eisladen, den wir grade passierten, eine Riesen-Trostkugel Eis gekauft. Man kann offensichtlich auch in Gesellschaft ganz schön allein sein. Oh Mann.
Stattdessen hab ich mir ein Nougathörnchen gekauft und alles war wieder fast fein. In der KVB erlebte ich dann das nächste Highlight in Sachen Pärchen. Eine junge, sehr hippe Mama mit ebenso hippem Kinderwagen (also die, die MAN eben grade so hat, Marke hab ich vergessen) und einem ebenso hippen Papa (schon älter, aber mit jugendlich anmutendem Zopf). Kurz vor dem Aussteigen sagt der Papa zu einem jungen Mann, der neben ihm stand: "Entschuldigung, könnten Sie meiner Frau beim Herausheben des Kinderwagens helfen, ich bin leider zu betrunken!" Nee, is klar.... Familienleben 2007 in Deutschland.
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